Tach, Post! (XV): Haribo

19. Juni 2006 um 01:05 von donvanone | Kommentar abgeben | Trackback

Diese Woche gibt es den “Tach, Post!“-Brief exklusiv für die “Basic Thinking”-Besucher erst am Montag, damit die ihn noch ganz frisch lesen können. Auslöser war diesmal der allseits bekannte Werbespruch “Haribo macht Kinder froh – und Erwachsene eben so”. Was aber nun, wenn dieser Spruch nun gar nicht aufgeht? Das lest ihr in meinem wahrscheinlich abenteuerlichsten Brief…

 

Haribo GmbH & Co KG
Hans-Riegel-Str.1
53129 Bonn

16.3.1999

Sehr geehrter Herr Hans Riegel!

Vor zwei Wochen wollte ich mal wieder ins Kino gehen, um mich von der schlimmen, hektischen Welt abzulenken. Als ich aber vor der Kasse stand und frohen Mutes eine Karte entgegennehmen wollte, stellte ich fest, daß mein Portemonnaie leer war. Na ja, leer ist etwas übertrieben, es waren noch drei Mark und ein Pfennig drin, weil ich kurz vorher im Aldi noch was zum Knabbern für
1,99 DM gekauft hatte. Aber für eine Kino-Karte reichte das natürlich nicht. Früher, zu Zeiten meines Opas, hätte das noch locker gereicht, aber heute wird ja alles teurer und ein armer Schüler wie ich muß sehen, wo er sein Geld herbekommt.
Mit diesem Geldproblem beschäftigte ich mich dann auch einige schlaflose Nächte und kam auf die Idee, Babysitter zu werden. Ich stellte mir das ganz einfach vor: Kinder ins Bett schicken und den Rest des Abends vor dem Fernseher sitzen. Aber das es so leicht nicht ist, merkte ich bald.
Ich fertigte also zuerst ein auffälliges Plakat an, daß ich in unserem Sparmarkt an die dafür vorgesehene Pinnwand heftete. So eins, wo unten ganz viele kleine Zettel dran sind, wo meine Nummer draufsteht, damit da jede gestreßte Hausfrau, die mit ihrem Mann mal was unternehmen will (oder mit irgendeinem anderen Mann, wenn der eigene mal auf Geschäftsreise ist), ein Stück abreißen kann und nun immer meine Nummer griffbereit hat.
Ab dann ging ich jeden Tag in den Sparmarkt, um zu sehen, ob sich jemand einen Zettel mitgenommen hat. Aber Fehlanzeige, drei Tage lang passierte erstmal gar nichts, ich war schon nahe der Verzweiflung. Dann aber hatte ich die Idee schlechthin. Ich riß alle Zettel bis auf einen ab. Nun, so dachte ich, denkt die nächste Frau, die mein Plakat sieht, daß sie sich schnell noch die letzte Nummer mitnehmen muß, bevor alle weg sind. Und was soll ich ihnen sagen, es hat geklappt! Heimlich hab ich mich hinter dem Katzenfutterregal versteckt und unauffällig beobachtet, was nun passieren wird. Schon die erste Frau, die vorbeikam, schien interessiert und steuerte ihre Hand in Richtung des letzten Zettels. Da kam eine zweite Frau an, die jetzt wohl auch merkte, daß sie einen Babysitter gebrauchen könnte und stürmte auf mein Plakat zu. Dabei stürzte sie über eine Packung Felix-Katzenfutter, welches ich vor das Regal gestellt hatte, um einen freien Blick zu haben. Im Flug grapschte sie noch nach meiner Nummer und riß sie an sich. Dies konnte sich die erste Frau natürlich nicht gefallen lassen, da sie ja zuerst da war und so ein Recht auf meine Nummer hatte. Darum schlug sie mit ihrem Schirm auf die zweite Frau ein …
Während des folgenden Handgemenges schlich ich mich schnell und ohne gesehen zu werden aus dem Gebäude.
Anscheinend ging die erste Frau als Siegerin aus dem Kampf heraus, denn am nächsten Wochenende stand ich wie vereinbart vor ihrer Tür, um auf ihren kleinen Sohn Jochen aufzupassen. Jochen ist 4 Jahre alt und ziemlich nervig. Ständig war er am schreien und wälzte sich auf dem Boden rum. Alles machte er, nur nicht das, was er sollte. Ins Bett wollte er erst recht nicht. Irgendwann war es mir dann zuviel und ich schrie ihn an, wie er denn so etwas nur mit mir machen könne, er solle mich in Ruhe lassen, weil ich doch nur Geld für’s Kino verdienen wolle. Ich erzählte ihm von den finanziellen Schwierigkeiten eines handelsüblichen Schülers und wollte wissen, warum er (also Jochen, nicht der Schüler) sich so asozial benehmen würde. Darauf konnte oder wollte er aber nicht antworten, sondern fing sehr laut an zu heulen. Nichts brachte ihn wieder zur Ruhe. Erst drehte ich den Fernseher auf volle Pulle, um sein Geschrei zu übertönen, aber dann klingelte das Telefon und die Nachbarn beschwerten sich. Also sperrte ich ihn im Bad ein und sagte, ich würde ihn erst wieder rauslassen, wenn er sich schriftlich bei mir entschuldigen würde. Daraufhin fing er aber nur noch mehr an zu schreien. Was sollte ich also tun?
Um einen klareren Kopf zu bekommen setzte ich mich wieder vor den Fernseher, wo gerade Werbung kam. Da hörte ich Ihre Botschaft, die meine Rettung zu sein schien: „Haribo macht Kinder froh – und Erwachs‘ne ebenso“. Das war die Lösung, so würde ich den traurigen Jochen wieder froh bekommen – mit Haribo. In freudiger Erwartung eines frohen Kindes stürmte ich in die Küche und suchte nach dem Haribo-Vorrat der Familie. Nach zehn Minuten fand ich endlich, wonach ich suchte. Jochen durfte also auch ohne schriftliche Entschuldigung aus dem Bad. Als ich ihm aber eine Gummibärchen-Tüte entgegenhielt, fing er wieder wie am Spieß an zu schreien und wollte weglaufen. Ich erwischte ihn aber gerade noch am Ärmel, der dann aber dummerweise riß. Dadurch flog Jochen in hohem Bogen durch den Flur und machte eine sehenswerte Bauchlandung. Das schon sehr laute Geschrei steigerte sich ins Unermeßliche. Schnell holte ich ein Sprungseil aus dem Kinderzimmer und band ihn in der Küche am Stuhl fest. Manche Kinder muß man eben zu ihrem Glück zwingen, denn nur ein froher Jochen ist ein guter Jochen.
Um den rebellierenden Mund offen zu halten klemmte ich eine zufällig daliegende „Benjamin Blümchen“ Kassette hinein. Nun schüttete ich die erste Tüte mit lustigen weißen, roten, orangenen und gelben Gummibärchen in seinen Mund. Aus irgendeinem Grund wollte er sie aber nicht runterschlucken und ich mußte mit einem Löffel nachhelfen. Froh sah er aber trotzdem nicht aus. Darum folgten noch zwei Tüten Lakritzschnecken und eine Tüte Colorado-Mischmasch. Trotzdem hellte sich seine Mine nicht auf, nur seine Hautfarbe. immer weißer wurde er und plötzlich kam die ganze Haribo-Sammlung wieder aus seinem kleinen, süßen Mund raus. Was sollte ich da noch machen?
Zu allem Überfluß kamen auch noch in dem Moment seine Eltern nach Hause und sahen den Kladaradatsch. Nun fingen auch noch sie an zu schreien. Ich erinnerte mich dann an den zweiten Teil ihres Spruches und versuchte auch den Eltern Haribo-Sachen einzuflößen. Allerdings ohne erkennbaren Erfolg. Kurzerhand wurde ich aus dem Haus geworfen, und das ganz ohne Bezahlung.
Nun möchte ich Sie fragen, was ich denn falsch gemacht habe. Warum wurde weder das Kind, noch die Erwachsenen froh? Habe ich die falschen Produkte ausgewählt, oder werden doch nicht alle Menschen von ihren Produkten froh? Ich hoffe sie können mir schnell weiterhelfen, da ich sonst meinen Nebenberuf als Babysitter in Gefahr sehe.

Mit freundlichen Grüßen
Andreas Hallerbach

Da ich der Meinung war, dass Haribo auf einen solch kinderverachtenden Brief sicher nicht antworten würde, hab ich den Brief gleich an zwei Haribo-Stellen geschickt und war dann doch überrascht, als ich auch zwei Antworten (mit kleinen Präsenten) bekam (man beachte auch die zwei verschiedenen Schriftarten, sowas darf einem großen Unternehmen nicht passieren, oder?):
Antwort von Haribo 1Antwort von Haribo 2

PS: An dieser Stelle einen Gruß an meinen Kleinen Bruder. Errät irgendwer, wie er heißt? ;-)
 
Metty:

Genial!

Aber die erste Antwort von Haribo ist erschreckend. Entweder haben die Deinen Brief garnicht wirklich gelesen oder finden deine Erziehungsmethoden gut *g*
Aber ich denke ersters trifft zu, da sich die Antwort wie eine Standartantwort liest wenn sich jmd über den Geschmack beschwert.

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Nils Hitze:

Ich glaube auch bei Haribo hat man einen Mitarbeiter mit Ironiedetektor.

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donvanone:

Ich denke auch, dass die Antwort nicht ganz ernst zu nehmen ist und finde sie eigentlich noch besser als die Zweite… Eigentlich hätte ich damals nochmal antworten sollen, dass es auch mit der frischen Ware nicht funktioniert hätte…

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Stephan:

Haribo ist keine grosse Firma. Zumindest ist das der letzte Stand meiner Dinge. ;)

Haribo ist ein grösseres mittelständisches Unternehmen, aber kein Konzern. Von daher kann man schon mal 2 Schriftarten sehen.

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