Tach, Post! (XIX): Aktiva

29. Juli 2006 um 23:18 von donvanone | Kommentar abgeben | Trackback

So, diese Woche gibt es mal wieder pünktlich einen Brief aus der “Tach, Post!“-Reihe. Da ich aufgrund der Stöckchentracker-Aktion mal wieder ein paar Leser dazugewonnen habe, hier nochmal ein kleiner Tipp: Ich bin meine Briefveröffentlichung nicht wirklich sehr strategisch angegangen, sondern habe die besten Briefe schon am Anfang verpulvert, so dass jetzt am Ende die Qualität etwas abflacht. Da ich aber alle veröffentlichen will, führt da jetzt kein Weg mehr dran vorbei. Kennt ihr meine Briefe aber nicht nicht, dann fangt vielleicht mit einem der früheren Briefe (Haribo, Theo Waigel oder Sarotti) an.
Und wenn ihr den Einleitungsbeitrag lest, dann erfahrt ihr da auch, dass ich Zivildienst geleistet hab. Und da hab ich nicht nur die Dienstwägen gegen Busse gesetzt (nur am ersten Tag), sondern hauptsächlich ältere Menschen daheim besucht, bei ihnen geputzt, für sie (mit ihnen) eingekauft oder sonstige Sachen getan, die so ein Zivi machen darf. Währenddessen hab ich auch munter Briefe geschrieben und mir gewünscht, doch einmal die Reaktion eines Empfängers meiner Briefe zu erleben. Und da ich normalerweise immer im Büro saß, wenn bei der Zivistelle die Post einging, hab ich da einfach mal einen hingeschickt. Natürlich unter falschem Namen. Blöd bin ich ja nicht (immer). Aber lest doch selbst…

 

Aktiva gGmbH
z.H. Frau Hünerfeld
Königsberger Str. 10
56564 Neuwied

19.11.00

Sehr geehrte Frau Hünerfeld

Bald ist wieder Weihnachten. Naja, nicht wirklich bald, aber doch schon ganz schön bald. Auf jeden Fall für mich bald genug, Ihnen diesen Brief zu schreiben. Denn wenn ich noch länger warte ist es bald zu spät und Sie können mir wahrscheinlich nicht mehr helfen. Ich bräuchte aber bald Hilfe. Nämlich an Weihnachten und seinen Folgetagen. Genauergesagt vom 23.12.2000 bis zum 14.1.2001. Das sind genau 3 Wochen.
Genau in diesen drei Wochen fahre ich nämlich in Urlaub. Ich fliehe so zu sagen vor dem Weihnachtsmann. Aber nicht, daß Sie jetzt was falsches sagen und dann rumerzählen der Andreas hätte was böses verbrochen und will der Rute vom Nikolaus entkommen. Nein, nein, ich mag das nur nicht, wenn man so in seinem Wohnzimmer sitzt, die Kerzen am Weihnachtsbaum brennen und nach Kerzenqualm stinken. Dann fängt auf einmal der ganze Baum an zu brennen und es stinkt noch viel schlimmer nach Qualm, nach schmelzendem Plastik und verbrannter Haut, wenn man versucht den Baum zu löschen. Nein, hab ich mir gesagt, dieses Jahr bleibt die Wohnzimmerdecke mal weiß. Dieses Jahr wird der Ruß-Akratzbrauch mal gebrochen und ich fahre in wärmere Gefilde. Wohin ich fahre verrate ich aber nicht, sonst erzählen Sie das noch irgendwelchen Verwandten von mir, die mir dann folgen und irgendeine Palme in Brand stecken, nur weil das halt „Heck-sche Tradition“ ist.
Na ja, auf jeden Fall ist dann drei Wochen meine Lebensabschnittsgefährtin allein zu Hause und jemand muß sich um sie kümmern.
Natürlich könnte ich meinen Schatz auch mitnehmen, aber wie heißt noch die berühmte Bauernweisheit:
„Der Wurm liebt seine Kleine Welt,
bis das er vor die Hühner fällt.“
Auf gut Deutsch: Reiße deinen Schatz nicht aus seiner kleinen Welt, in der er sich wohl fühlt, sondern laß sich die Frau Hühnerfällt darum kümmern.
Ich hoffe, Sie können das machen, denn ich weiß nicht, wer sich sonst um sie sorgen sollte.
Es gibt einiges zu tun, aber ich denke, das dürfte für Sie kein Problem sein. Damit Sie sich eine Vorstellung davon machen können, was da so alles auf Sie zukommt, will ich alles Notwendige einmal auflisten:

Zuerst einmal zu dem Pflegefall selber: Sie ist ca. 0,5 Meter hoch und läßt in letzter Zeit ziemlich viele Blätter fallen. Vor 2 Wochen hat sie zuletzt geblüht, setzt aber schon neue Knospen an. Die Blätter sind noch alle saftig grün, nur eins hat eine kleine braune Spitze, die krieg ich aber bis zum 23. bestimmt wieder hin.

Nun mal zu dem, was Sie tun müssten:

Täglich (auch am Wochenende):

  • Hilfe bei der Nahrungsaufnahme (einfach ein bis zwei Schlücke Wasser drüber gießen)
  • 3*Täglich: Mobilisation (ab und zu mal drehen, damit die Sonne von allen Seiten gleich einstrahlt)
  • 3*Täglich: Mit ihr reden (so wächst sie besser, diese Aufgabe könnte ja einer Ihrer netten Zivis
    übernehmen, oder?)
  • Kleine Morgentoilette (Die Blätter vorsichtig abstauben)
  • dazu kommt dann ja noch 3*Täglich die Hausbesuchspauschale
  • 1 Mal die Woche (Mittwochs wenn möglich):

  • Unterhaltsreinigung (runtergefallene Blätter wegfegen)
  • Injektion (Düngerstäbchen in die Erde stecken. Das sollte aber möglichst eine Examinierte Schwester machen, sonst wird noch irgendeine Wurzel getroffen oder gar beschädigt)
  • Einkaufen (die Düngerstäbchen)
  • und nochmal eine Hausbesuchspauschale
  • Nun möchte ich Ihnen kurz darlegen, mit welchen Kosten ich rechne:

    Hilfe bei Nahrungsaufnahme: 20,-
    Mobilisation: 12,-
    Unterhaltsreinigung: 10,-
    Injektion: 8,-
    mit der Pflanze reden: 5,- (hier hab ich keine Ahnung, was das kosten soll. Bitte korrigieren Sie mich)
    Einkaufen: 12,-
    Kleine Morgentoilette: 20,-
    Hausbesuchspauschale: 6,-

    Damit komme ich auf einen Preis von
    7 * 123 DM + 1 * 36 DM = 897 DM pro Woche

    Das macht für drei Wochen
    3 * 897 DM = 2691 DM

    Diese werde ich dann privat bezahlen. Natürlich wäre es viel billiger für mich, sie einfach für die 3 Wochen in eine Gärtnerei zu geben, aber dann würde sie sich so abgeschoben vorkommen, und das will ich ja nicht.
    Ich hoffe, Sie können mir weiterhelfen, sonst kann ich meine Kur nicht antreten. Schicken Sie mir bitte eine genaue Preisabrechnung, damit ich meinem Bankmann und meiner Kurbetreuung Bescheid geben kann.

    Bis dahin verbleibe ich mit freundlichen Grüßen
    Andreas Heck

    So, und jetzt kommt die schlechte Nachricht: Gerade an dem Tag als der Brief ankam war ich nicht im Büro und konnte die Gesichter nicht beobachten. Als ich ankam streckte man mir gleich den Brief entgegen “Hier, lies mal” und auf meine Frage, was man denn antworten wolle kam nur ein “Nicht, oder willst du was schreiben?”. Mir selbst antworten? Ne, das wollte ich dann doch nicht…
    PS: Die Preise sind (wenn ich mich richtig erinnere) übrigens die echten gewesen zu der Zeit…