Tach, Post! 2.0: Bloginterpretation: Robert Basic hat Probleme beim Selbstfindungsprozess

03. April 2007 um 16:03 von donvanone | Kommentar abgeben | Trackback

Frau Bü hat mir gestern verraten, dass sie ein besonderer Fan der Bloginterpretationen in der “Tach, Post! 2.0″-Reihe ist (bisher gab es schon diese beiden). Und wie es der Zufall so will, ist auch genau für den heutigen Tag wieder eine eingeplant. Dieses Mal geht es um  diesen Text von Robert Basic (dem ich ja auf der CeBIT nur kurz die Hand schütteln konnte und auch auf dem  Barcamp in Frankfurt wieder verpassen werde, da er nur am Samstag und ich nur am Sonntag Zeit habe):

 

wie soll das Blog bloß heißen?
alle haben immer so obercoole Namen: Schockwellenreiter, Telagon Sichelputzer, Die Welt ist scheiße, Beetlebum, Starfrosch, Rebellen ohne Markt, Boing Boing, Techcrunch, Gizmodo und und und… was also tun, wenn einem partout kein Name fürs eigene Blog einfallen will? Man macht sich die Einfallslosigkeit zu Nutze und prompt hört es sich cool an..  see this one >>

Lest nun, was ich da alles über Roberts Selbstfindungsprozess entdecken konnte und wie Robert darauf reagiert hat.

 

Hallo,
wir nehmen in der Schule jetzt moderne Literatur durch und sollen uns jetzt als Hausaufgabe was aussuchen und das interpretieren. Und da ich gerne Blogs lese und das ja so das modernste ist was es gibt, hab ich mir da was ausgesucht. Um genau zu sein einen Text von dir.
Jetzt hab ich bei der Interpretation noch ein paar Probleme und würde gerne wissen, ob du mir da was weiterhelfen könntest. Hier erstmal dein Beitrag und dann meine Interpretation:

“alle haben immer so obercoole Namen: Schockwellenreiter, Telagon Sichelputzer, Die Welt ist scheiße, Beetlebum, Starfrosch, Rebellen ohne Markt, Boing Boing, Techcrunch, Gizmodo und und und… was also tun, wenn einem partout kein Name fürs eigene Blog einfallen will? Man macht sich die Einfallslosigkeit zu Nutze und prompt hört es sich cool an.. see this one >>”

Der Autor befasst sich mit den Problemen seines Selbstfindungsprozesses. Gleich mit dem ersten Wort macht er klar, dass er anders ist als die anderen. “alle” haben etwas, das er offenbar nicht hat, er bildet die Ausnahme, die er nicht sein will, er will dazuzugehören zu dem Kreis derer, die “obercoole Namen” haben. Das Wort “obercool” wirkt im ersten Moment leicht ironisch, da es die Umgangsform “cool” in einer verschärften Variante nutzt. Aber diese Ironie ist nur der Deckmantel des Neides. Der Autor findet die Namen der anderen wirklich sehr gut, kann dies aber aus Selbstschutz nicht in solch direkte Worte fassen. Basic gibt nun 9 Beispiele für Namen, die er “obercool” findet.
Diese 9 Namen sind allerdings nicht beliebig gewählt, sondern vom Autoren mit Bedacht ausgewählt, um dem Leser seine Gefühle näher zu bringen. Schon der erste Name, “Schockwellenreiter”, ist für ihn ein Beweis dafür, was man mit dem richtigen Namen ist: Ein Reiter auf der Welle des Schocks. Was auch immer in der Welt passiert: Man geht nicht unter, sondern reitet obenauf, verliert niemals die Kontrolle.
Anders sieht es da aus, wenn man keinen “obercolen” Namen hat. “Die Welt ist scheiße” steht hier für diese Gegenstimmung. Basic fühlt sich in seiner Einstellung bestätigt und gelangt so zu der Wertung “obercool”. Aber er würde seine Welt ja gerne ins positive kehren. Er hätte gerne auch einen dieser Namen, mit dem er sich dann als Star(frosch) fühlen würde. Er ist aber der einzige ohne Namen, was ihn in gewissen Sinne zu einem Rebellen machen würde. Doch wie er mit einem weiteren Namen darlegt, gibt es für diese Art des Rebellentums keinen Markt. Sie werden in einer Welt voller “obercooler” Namen einfach nicht beachtet. Boing Boing. Das Geräusch einer weggeworfenen Seele.
Durch die dreifache Verwendung des Wortes “und” signalisiert der Autor, dass er diese Liste ewig weiterführen könnte. Er tut es aber nicht. Statt dessen folgen drei Punkte, die auf eine gedankliche Aktivität hindeuten.
Basic setzt sich mit dem bisher geschriebenen auseinander und erkennt seine Situation, der er nun entweichen will. Er stellt sich die Frage, was er denn tun solle. In diesem Satz wird auch gleich deutlich, dass hinter dem angeblich so wortfindungsarmen Schreiber in Wahrheit ein anderer Kern steckt. Dies gelingt dem Autor durch den geschickten Einsatz des Wortes “partout”, welches in krassem Gegensatz zu “obercool” steht. Der Autor scheint sich seiner Stärke nun auch bewusst zu werden und bringt dem Leser auch sofort die Lösung auf seine zuvor gestellte Frage nahe: “see this one >>”. Augenfällig ist, dass der Autor abrupt die Sprache wechselt. Angefangen bei deutscher Umgangssprache, über den gezielten Einsatz von Fremdwörtern ist er nun komplett in eine Fremdsprache verfallen. Es ist nicht seine eigene, er passt sich der Umwelt an. In englischen Worten will der Autor den Leser dazu bringen, sich etwas (seine Lösung) anzusehen. Diesen Worten folgen zwei Pfeile, die ins Leere zeigen.
Dadurch soll der Leser selbst angeregt werden, die Lösung zu finden. Er soll sie wirklich “sehen” und nicht nur kurz überfliegen. Um um dieses “Sehen” mit allen Sinnen zu erreichen, muss der Leser sich mit der Problematik selbst beschäftigen. Und wie der Autor schreibt, ist die Lösung “cool”. Nicht das ironische “obercool”, sondern wirklich “cool”. Der Autor ist immer noch anders als alle anderen, aber jetzt fühlt er sich gut dabei. Er hat es gesehen.

Und, was meinst du? Wäre froh, wenn du mir ein paar Tipps geben könntest, was ich och übersehen habe. Das mit den 9 Namen hab ich ja auch noch nicht 100%ig gerafft.
Ach und bitte: Erwähne davon nix auf deinem Blog. Die Lehrerin muss ja nicht wissen, dass ich dich um Hilfe gebeten habe.

Dankeschön
Felix

Leider macht mich Robert dann darauf aufmerksam, dass ich wohl leider alles falsch verstanden habe und der Text wohl gar keine Meta-Ebene besessen hat:

 

hi Felix,

hast Dir ja ganz schön Mühe gegeben. Vom logischen Aufbau ok, aber – was keine Rolle im Sinne des Aufsatzes spielen dürfte – falsch interpretiert leider. Schau mal:
das Blog, auf das ich linke http://florianeckerstorfer.com/blog/ heißt “Titel ist mir keiner eingefallen”. Das greift der Autor -me- auf und versetzt den Leser in die Rolle des Suchenden, der zwar ein frisches Blog hat, aber dem kein Name fürs Blog einfallen will. Also rauscht er kurz durch die Blogosphäre und lässt sich inspirieren von all den anderen Blog-Bezeichnungen, doch immer noch mag ihm nix einfallen. Also macht er am Ende aus der Not eine Tugend und verpasst sich den o.g. Titel. Das ist also das, was der Autor meinte (ich muss es ja wissen:))

viel Erfolg mit der Arbeit!

Rob

 
Fluffi:

Da hattest du dir aber Mühe gegeben, so lang waren die bisherigen Interpretationen nicht :)

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Manu:

Ich bin auch ein Fan der Interpretationen … erinnert mich auch irgendwie an Deutschuntericht in der Schule … nur konnte man da den Autor nicht fragen was er von dem Schwachsinn hält.

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David:

Bist Du auch einer dieser Robert B.-vergötternden Blogger?
Kann ich genauso wenig nachvollziehen, wie die ganze Knut-Hysterie (siehe Max vom mbloq, der ganz empört darüber ist, dass Knut Dich in den Blogcharts überholt hat)

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Siegfried:

Lasst dem Knut seinen “Erfolg”, er wird noch früh genug ausgebremst werden.
Das mit den “obercoolen” Blognamen ist schon richtig. Das ist ähnlich wie mit der richtigen Titelzeile, nur noch stärker: Es produziert Neugier und Identifikation und damit Traffic. Allerdings längerfristig nur, wenn der Inhalt da mithalten kann. Was mich persönlich anbelangt, mir fallen eigentlich täglich Blognamen ein. Der kürzeste war übrigens einfach “Ich”. Aber ich bin ziemlich konservativ bis stur. Der Name für meine Website stammt noch aus der Web-Steinzeit. Der existierte schon lange vor dem Blog. Aber ich baue lieber im Laufe der Zeit eine Marke auf, hege und pflege diese Marke, auch, wenn der Name immer mehr vom Inhalt abkoppelt, als daß ich ständig neue “Marken” einführe. Nun ja, Jedem das Seine. Ein guter Name ist viel wert. Aber Namen entwikceln sich auch. Was heute ein guter Name ist, muß morgen nich unbedingt einer sein. Auf Dauer muß man sich einen guten Namen sowieso erarbeiten und verdienen.

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Florian:

Naja, mittlerweile hab mein Blog ja einen Titel. Aber danke für den Link ;)

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