Szenen einer Zugfahrt

19. April 2006 um 23:07 von donvanone | Kommentar abgeben | Trackback

Am Freitag ging es (wie schon berichtet) nach Hause, um dort mit der Familie Ostern zu feiern (und kaum zu schlafen…).
Und da (bei der Hinfahrt zumindest) kein Zug Verspätung hatte, können es nur meine Beifahrer gewesen sein, die mich amüsiert haben.
Die Rollen im einzelnen:
Vater: Ein älterer Mann, tendenziell Sozialpädagoge, Lehrer oder sowas. Birkenstockschuhe, braun-rosa-Cord-Kleidung und so einen streberhaften hellen Lederschulranzen auf dem Schoß. Dazu dieser merkwürdige Geruch nach altem Mann, den ich nicht wirklich genau definieren kann. Kein Alkohol, kein penetrantes Deo, sondern “alter Mann”-pur. Natürlich saß er direkt neben mir…
Sohn: Schätzungsweise 15 Jahre alt (wahrscheinlich hat der Mann nur so alt gerochen…), ziemlich verpickelt und unsportliche Figur. Saß mir gegenüber (so ein Vierer-Platz mit Tisch), daneben der Platz wurde mit seiner Tasche gefüllt.

Vater holt ein Buch mit englischen Vokabeln raus und lernt. “front”, “back”, “turn left” und andere Wegbeschreibungsangaben. Wenige Minuten später ist er in einen ruhigen Schlaf verfallen.
Sohn kramt ebenfalls in seinem Rucksack und holt ein P.M.-Logik-Heft raus. Die Dinger hab ich früher auch mal gemacht, muss ich zu seiner Verteidigung beichten. Sohn versucht sich an einer Aufgabe, kommt aber nicht wirklich voran. Nach 15 Minuten wacht der Vater auf.

Vater: Aufwachschnarcher mit verschrecktem Blick in alle RichtungenUnd? Schaffst du es nicht?
Sohn: Hm…
Vater: Ist zu schwer, gell?
Sohn: Hmm… willst du mal?
Vater: Ne lass, ich kann das nicht.
Kaum sind diese Worte über die Lippen gegangen, schläft Vater auch schon wieder. Ab und an macht er seltsame Geräusche, nach denen sich Sohn peinlich berührt umschaut. Sohn hat erst einmal genug und schiebt den Stift, mit dem er das Rätsel zu lösen versuchte in die Hand des Eigentümers: Vater. Dieser lässt sich davon aber nicht von seinem Schlaf abhalten. Auch als dem Sohn nach ein paar Minuten langweilig wird und er sich den Stift wieder aus der fest geschlossenen, väterlichen Hand entreißen kann, schläft er genussvoll weiter. Sohn hat sich an eine neue Aufgabe gemacht, kommt aber auch hier nicht sonderlich weit. Als der Zug aber eine kleine Holperstrecke fährt, wacht er auf und tut wieder sehr interessiert
Vater: Und, schwer?
Sohn: Hm… willst du mal?
Vater: Nein danke, ich kann das nicht.
Sohn: schiebt wortlos das Heft und den Stift zum Vater
Vater: schiebt es wieder zurück, ohne nur einen Blick drauf zu werfenNein, nein…
Also verfällt Vater wieder in einen gesunden Schlaf (wie sich später herausstellt, hat er die Nacht zuvor wohl wenig geschlafen, also ist das mal gestattet), das Vokabelheft ist immer noch in seiner Hand. Als er das nächste Mal aufwacht ist es also am Sohn, interessiert zu fragen.
Sohn: Und, kannst du alle Vokabeln?
Vater: (verlegen) Äh, nein.. aber ich hab auch heute Nacht kaum geschlafen (sag ich doch…)
Beschämt schauen beide aus dem Fenster. Da entdeckt der Vater etwas, was schon seit einer knappen Stunde unseren Zug begleitet
Vater: Ach, da ist ja schon der Rhein…
Sohn: Schon länger
Vater: (überrascht)Ach ja?
Sohn: (leicht irritiert)Schon. Oder? Doch, wir sind doch schon durch Mainz gefahren. Da ist doch schon der Rhein, oder ist das die Donau?
Vater: (will seine Unwissenheit verbergen und täuscht einen Sekundenschlaf vor) Hm?
Sohn: Welcher Fluss fließt durch Mainz: Der Rhein oder die Donau?
Vater: (überlegen, wie es nur ein Vater sein kann) Der Main!
Sohn: Ach so.
Beide schauen weiter aus dem Fenster und bewundern den Rhein
Vater: Ganz schön groß der Rhein, oder?
Sohn: Nö…
Beide schauen weiter aus dem Fenster und bewundern den Rhein
Sohn: Muss nicht bald auch die Loreley kommen?
Vater: (dem Sohn schon wieder überlegen und scheinbar seinem liebsten Hobby nachgehend) Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin; Ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Sohn: Die Überlegenheit des Vaters anzweifelnd Und weiter?
Vater: (ertappt) Weiß ich nicht. Willst du es wissen?
Sohn: Ja
Der Vater grübelt, kommt aber zu keinem Nenner, was dem Sohn zu gefallen scheint. Plötzlich ein Geistesblitz
Vater: Ich kann es nachgucken, soll ich?
Sohn: Nein.
Vater: Ach, du willst es also gar nicht wissen…
Also starren beide einfach nochmal ein paar Minuten auf den Rhein und der Sohn fragt bei jedem größeren Berg, ob das denn nun die Loreley sei. Irgendwann kommt dann endlich besagter Felsen (zum Glück steht es dick und fett drauf) und man atmet erleichtert durch (also ich jetzt…)
Vater: Beeindrucken, oder?
Sohn: Nö, geh mal in die Alpen, da sehen die Berge alle so aus. Nur viel größer!
Vater: (unbeeindruckt von der Ignoranz des Sohnes Jetzt les ich es dir aber doch mal vor.
Sohn: (weiß nicht, wie er sich davor retten soll) Ne ne, lass nur
Aber der Vater hat schon seinen Streberrucksack geöffnet und zückt ein kleines gelbes Reclam-Heftchen. Und so wird “Die Loreley” von vorne bis hinten rezitiert, ein Strahlen erfüllt das Gesicht des alten Mannes. Der Sohn kann sich vor Langeweile kaum halten.
Vater (das Gedicht beendend) Und das hat mit ihrem Singen, Die Loreley getan. Schön.
Sohn: Naja…
Wieder vergehen ein paar Minuten mit starrem Blick aus dem Fenster
Vater: Ganz schön hoch das Wasser, oder?
Sohn: Ja, wegen des Tauwetters. (Er hat hier sicher nicht den Genitiv verwendet, aber was tu ich nicht alles für Daniel…) Aber hier wohnen will ich nicht.
Vater: Aber warum denn nicht, ist doch schön!?
Sohn: Na bis man da mal über den Berg ist, und hier unten hat man das Hochwasser. Schön ist es auch nicht.
Vater: Naja, aber stimmt, es gibt ja nicht viel hier am Rhein. Der Rhein hat ja auch keine größere Stadt an sich, oder?
Sohn: Ne, da ist nix.
Vater: Düsseldorf vielleicht noch. Oder Köln?

Und dann war meine Fahrt hier zu Ende und ich konnte das Schauspiel leider nicht bis zum Schluss genießen. Schade eigentlich…
Bei der Rückfahrt hatte der Zug dann übrigens wieder Verspätung, dafür waren die Mitfahrer dann nicht so interessant. Irgendwas ist ja immer…

 
Madonha:

Nee, ist auch lustig, wenn du es erzählst.
Ab welchem Alter riecht ein Mann alt?

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donvanone:

@Madonha: Nicht jeder alte Mann reicht alt, aber der sah jünger aus als er gerochen hat…

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