Making A Murderer: 10h Angucken, 10h Kopfschütteln und dann 10h Hintergründe Googlen

07. Januar 2016 um 00:22 von donvanone | Kommentar abgeben | Trackback

Ich unterbreche das Blogsterben hier mal ganz kurz für eine vermutlich unnötige Serienempfehlung, da eh die ganze Welt drüber spricht, aber egal:

Schaut euch “Making A Murderer” auf Netflix an.
Nicht unbedingt jetzt sofort, sondern dann, wenn ihr sicher seid, dass ihr die nächsten 4-10 Stunden nichts vor hat, denn:

The question is not if you’ve seen Making a Murderer yet. It’s how long did it take you to watch it? A week? That’s insane. Three days? That’s more like it. One day? There you go.

[Quelle: Forbes: “Why ‘Making a Murderer’ Is Netflix’s Most Significant Show Ever”. Lieber erst lesen, wenn man die Serie gesehen hat, oder nur die Einleitung lesen]

Ich hatte diese Warnungen vorher schon gelesen, hatte dem aber nicht ganz so geglaubt. Als Frau Bü dann nach 5 Folgen am Stück meinte: “Weiter, weiter” und ich kurz überschlug, dass wir, wenn wir mit der Serie durch wären, nur noch ca. 30 Minuten hätten, bis die Kinder aufwachen würden, gaben wir uns doch einen Ruck und einigten uns auf “two days”. Ohne Kinder hätten wir vermutlich wirklich durch gemacht, denn die Geschichte lässt einen nicht mehr los.

Worum gehts (ohne zu viel zu verraten)?

“Making A Murderer” dokumentiert (mit echten Aufnahmen. Das Filmteam war 10 Jahre lang dabei) die beiden Fälle von Steven Avery. Dieser wurde 1985 verurteilt, eine Frau vergewaltigt zu haben. Erst nach 18 Jahren Gefängnisaufenthalt konnte seine Unschuld bewiesen werden. Da bei der Verurteilung einiges “sehr sehr merkwürdig” verlief, verklagte er die Polizei von Manitowoc (seinem unaussprechlichen Heimatort) auf 36 Millionen Dollar. Doch bevor es zum Prozess kommen konnte, war er erneut Hauptverdächtiger. Diesmal in einem Mordfall. Die Haupt-Beweise wurden dabei übrigens von den von ihm angeklagten Polizisten gefunden.

Und dann geht es mit dem ungläubigen Kopfschütteln über das amerikanische Rechtssystem und die ausführenden Personen (man weiß gar nicht, wen man am meisten hassen möchte) erst richtig los.

Am Ende gibt es dann ein Urteil (dessen Ausgang ich nicht spoilern möchte. Ich kannte ihn vorher schon, was der Serie nicht geschadet hat (es wurde halt ein Spannungsmoment genommen, aber das “wie” ist wichtiger als das “was”). Stand ja alles auch schon vor 10 Jahren in den Zeitungen…), wo man vermutlich eine Meinung hat, ob es in Ordnung geht oder nicht, aber immer noch unendlich viele Fragen offen bleiben.

Und dabei meine ich nicht unbedingt Fragen wie

oder

Sondern… andere! (ich wollte ja spoilerfrei bleiben).

Auf jeden Fall ist man nach den 10 Stunden dann noch lange nicht fertig, denn:

Und wenn ihr mit der Serie dann also fertig seid (ich erwarte euch hier also in 10 Stunden wieder. Wofür gibt es einen Netflix-Probemonat? Lohnt sich sonst aber auch…), hätte ich da schonmal ein paar Links für euch parat:

BuzzFeed: 12 Burning Questions About “Making A Murderer” Answered

The Daily Beast: How We Made ‘Making a Murderer’: Filmmakers Moira Demos and Laura Ricciardi Pull Back the Curtain

Uproxx: Lawyers Ken Kratz And Dean Strang Debate ‘Making A Murderer’ With Megyn Kelly

Pajiba: Evidence ‘Making a Murderer’ Didn’t Present in Steven Avery’s Murder Case

Und natürlich den Sub-Reddit zu der Serie, in der es nun die wildesten Theorien, neue Entwicklungen und ein paar Erklärungen gibt.

Zum Beispiel:

Hintergründe zum EDTA-Test

Zum Loch in der Blut-Ampulle

YouTube: Aussage eines Jurymitglieds, wie es zu der Entscheidung kam (ab 2:20)

Und nun !ACHTUNG SPOILER!: Noch ein paar Worte von mir zur Serie, zur Diskussion, wenn man sie dann auch gesehen hat:

Ich habe (natürlich) keine Ahnung, ob Steven Avery schuldig ist oder nicht. Die Dokumentation finde ich in der Hinsicht auch nicht wirklich objektiv, sondern klar auf Seiten der Averys und auch dem Weg der Verteidiger folgen: Wenn die Jury (bzw. die Zuschauer) erst einmal glauben, dass der Schlüssel von der Polizei dort drappiert wurde (was ich glaube), halten sie es dann auch für möglich, dass auch die Blutspuren getürkt sind. Darum wird das dann auch in der Reihenfolge gezeigt.
Also ja, ich gehe fest davon aus, dass die Polizei ihre Finger im Spiel hatte und nicht alles sauber ablief (dazu gehört auch die Überprüfung des Nummernschildes, für die ich keine “normale” Erklärung finde) und bei den “Verhören” von Brandon stellen sich mir alle Nackenhaare auf und gerade seine scheiternden Revisionen am Ende lassen mich fassungslos zurück.
Aber ich möchte nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass Steven unschuldig ist. Es gibt etliche Punkte, die in meinen Augen gegen die Theorie der Anklage sprechen (z.B. das fehlende Blut in der staubigen, unordentlichen Garage), laut den obigen Links aber auch ein paar (in der Dokumentation nicht genannten) Gründe, die ihn dann doch verdächtig vorkommen lassen.
Aber in meinen Augen (und auch in denen von Devin Faraci, um noch einen Link unterzubringen) geht es auch nur zweitrangig darum, ob Steven es war oder nicht. Sondern um das Justiz-System mit all seinen unschönen Seiten. Selbst wenn Steven schuldig ist und zurecht im Knast sitzt (was ich mir, wie auch der Verteidiger Dean Strang am Ende sagt, fast wünsche, damit es nicht ganz so grausam ist), macht das das Vorgehen der Ankläger nicht besser. Eine “faire” Verhandlung sieht in meinen Augen ganz anders aus. Und dann muss man sich auch die Frage stellen, womit man besser leben kann: Einen evtl. unschuldigen Menschen lebenslang einsperren, oder einen evtl. gefährlichen Menschen frei rumlaufen lassen.

 
bullion:

Ah, ich befürchte ich brauche doch Netflix. Mist. Hört sich famos an, wobei ich nur die spoilerfreien Teile gelesen habe. Erinnert mich an Serial (den Podcast) oder HBOs “The Jinx”, wobei ich beides noch nicht kenne. So viel nachzuholen.

Danke für den Tipp!

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Olli:

Cool. Bis Montag habe ich noch frei – und das Kind geht seit heute in die Krippe… …das kann doch kein Zufall sein… (-;

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donvanone:

@bullion: “Serial” und “The Jinx” habe ich beide noch nicht konsumiert und auch jetzt erst davon erfahren (bzw. stimmt nicht, bei Jinx hab ich vorher schon mal vom Ende gehört, bin da also auch ein gespoilertes Kind). Was ich so gelesen habe, soll “Making A Murderer” aber wohl die NUmemr 1 der 3 FIlme/Podcasts sein.
Also: Ja, schaff dir Netflix an, auch wenn es nur ein Probemonat ist. Ich will es aber nicht mehr missen. Wir haben Amazon Prime Video, Netflix und Premiere und Netflix ist akutuell die Nummer 1 bei mir. Frau Bü geht (dank Fire) öfter mal bei Amazon schauen. Sky dann für Bundesliga, Filme und Game of Thrones.
Und wenn du dann den Probemonat hast, musst du gleich auch noch Daredevil, Jessica Jones (lieber die, wenn du nur eine der beiden Superhelden schauen willst) und Master of None. Orange is the New Black haben wir nach der ersten Staffel abgebrochen, aber nur, weil wir zu viel gutes Zeug hatten. House of Cards war nix für uns, sollte dir aber eher gefallen.
Und jetzt wo das Haus steht, hast du doch wieder Zeit und Langeweile, oder nicht?

@Olli: Kann es wirklich nicht. Wünsche dir viel “Spaß”. Und ab und an mal den Nacken lockern, damit der vor lauter Kopf schütteln nicht irgendwann weh tut…

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bullion:

@donvanone: Die Langweile lässt leider noch auf sich warten und momentan bin ich mit Prime und meinem DVD/Filmregal komplett ausgelastet. Schon alleine die Watchlist auf Prime dürfte bis Ende des Jahres reichen. Aber früher oder später wird an Netflix kein Weg vorbei führen, das sehe ich ja ein – schon alleine aufgrund der Eigenproduktionen.

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donvanone:

@bullion: Oh, Fargo! Ich vergaß Fargo! Mensch, da musst du deine Watchlist echt mal umpriorisieren…

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